Agiles Mindset

Herr Roth, im Moment wird viel über das agile Mindset geredet. Wie bekommt man denn ein solches. Am besten hat man das schon vorher, indem man immer offen denkt und das immer schon getan hat. Ansonsten braucht man jemanden, der einem dabei hilft, wie man Denkbarrieren und Denkverbote überwindet und sich selbst öffnen kann. Das geht, dauert aber etwas länger. Aber man kann das schaffen. Wie kann man das schaffen? Das kann man schaffen, indem man sich trainiert, über die bisherigen Grenzen des eigenen Denkens und Fühlens hinaus zu denken und zu fühlen. Das kann man lernen, dass man sich öffnet, anhand von Beispielen, anhand von Trainingsgelegenheiten. Man kann kreativ denken lernen, in Grenzen. Geben Sie mal ein Beispiel, wie das gelingt. Indem man sagt, was sind Sachen, die du bisher nicht gemacht hast und die du eigentlich spontan nicht machen würdest.

Gibt es da Dinge, die doch möglich sind? Denk doch mal über die Grenzen nach. Wo hakt es bei dir? Wo hast du Ängste? Wo willst du lieber nicht drüber nachdenken? Aber versuch mal, darüber nachzudenken, Es ist immer so eine Mixtur zwischen kognitiven und emotionalen Barrieren, die man überwinden muss. Gelingt das durch Experimente? Das gelingt auch durch Experimente. Am besten natürlich durch Lebenserfahrung. Man fährt irgendwo hin und erlebt etwas, was ganz toll ist, was man noch nie gesehen und gehört und erlebt hat. Und man ist scheinbar ein anderer Mensch. Zum Thema Veränderbarkeit des Menschen: Wie veränderbar ist der Mensch? Es kommt darauf an. Das heißt, es gibt große Unterschiede zwischen den Menschen überhaupt, wie veränderbar sie sind. Der eine ist schon von Jugend an, von Kindheit an deutlich veränderbar, plastisch und passt sich an die Situationen an, an die Anforderungen. Der andere, dem fällt das sehr schwer.

Das sind so Temperament-, Charaktereigenschaften. Aber ansonsten ist es so: in frühester Jugend ist das sehr leicht, ist der Mensch extrem anpassungsfähig. Im Erwachsenenalter – so sagen alle Psychologen, und die Hirnforschung bestätigt das – stabilisiert sich das selber. Und bis ins hohen Alter, wo das dann eventuell bisschen wieder schrumpft und zerfällt, darüber wollen wir aber nicht reden, stabilisiert sich das und man ist nicht mehr so gewillt, sich zu verändern. Aber das ist weniger eine kognitive Sache, dass man das nicht schaffen würde, sondern man will es eigentlich nicht, also eine emotionale Sache. Und da muss man ansetzen.

Alle Veränderungsmaßnahmen sind in aller Regel nicht kognitiv, dass man plötzlich ein schlechtes Gedächtnis hätte usw., sondern motivationale, sondern, dass man einsehen muss, warum soll ich mich gefälligst ändern? Was ist das größte Manko der Personalentwicklung aus Ihrer Sicht? Das größte Manko ist, dass es nicht hinreichend geschafft wird, Menschen in ihrer individuellen Persönlichkeit zu verstehen. Sobald man das macht mit Bordmitteln, da braucht man kein Psychiater zu sein, kann man viel spezifischer auf Menschen einwirken und insbesondere die Motivation finden, die die Menschen brauchen, ob sie nun monetär ist – also nur Geld -, ob sie sozial ist – Anerkennung, Lob – oder ob sie intrinsisch ist.

Das muss man wissen. Wenn man das weiß, kann man Menschen viel besser beeinflussen – im positiven Sinne – und auch zu dem bringen, was sie im tiefsten Herzen eigentlich wollen. Das wissen nämlich viele Menschen gar nicht selber. Noch ein anderer Aspekt: Thema Künstliche Intelligenz. Viele Menschen haben davor Angst. Inwiefern ist die berechtigt? Nun ja, sie ist schon berechtigt. Weil wir davon ausgehen müssen, dass aus sehr komplexen Gründen unser Gehirn ein Multifunktionsinstrument ist und viele Einzelfunktionen viel besser von Robotern und Programmen gemacht werden. Das ist keine Frage.

Der Mensch wird über Jahrzehnte und Jahrhunderte noch hinweg in allem so viel besser sein, aber nicht punktuell. Und das macht den Leuten Angst, weil sie dann sehen, mein Job ist in Bedrohung. Das muss man real so sehen und entsprechend die Vorteile des Menschen, das er nämlich nicht nur kognitiv, sondern auch emotional ausgewogen an Dinge herangeht. Und all das darf man nicht als Bedrohung formulieren, sondern man müsse es als Chance sehen. Vieles von den technischen Errungenschaften hat doch das Leben viel leichter gemacht, und das wird mit den den IT-Sachen auch so sein.