Graphik Designer

Übersetzung: Anne-Kristin Fischer Lektorat: Nadine Hennig Guten Tag, ich heiße Geoffrey Dorne und bin Designer. Zuerst habe ich 4 kurze Fragen an Sie. Fangen wir an: Kennen Sie … Natürlich ist der Cursor nicht Teil des Logos. Kennen Sie dieses Logo? Sie haben es alle schon gesehen. Wissen Sie, wer es gemacht hat? Einige ja? Er heißt Milton Glaser. Milton Glaser ist Graphik-Designer aus New York und hat dieses weltbekannte Logo entworfen. Keiner kennt Milton Glaser.

Zweite Frage: Kennen Sie diesen Gegenstand? Wissen Sie, wer ihn entworfen hat? Es ist nicht Steve Jobs! Es ist jemand namens Jonathan Ive. Jonathan Ive ist der Designer von Apple. Er ist es, der Ihre Macs, iPods und iPhones entwirft. Merken Sie ihn sich gut: Jonathan Ive. Noch eine kurze Frage: Haben Sie schon mal diesen Zug genommen? Kennen Sie ihn? Roger Tallon hat ihn entworfen. Das ist ein französischer Industriedesigner, der letztes Jahr verstorben ist. Er hat ebenso die Seilbahn des Montmartre entworfen. Auch ihn kennt man nicht. Ich habe noch eine letzte Frage: Kennen Sie dieses Plakat? Wissen Sie, wer es entworfen hat? Ich auch nicht. Keiner weiß, wer dieses Plakat entworfen hat. Keiner hat sich den Namen des Designers gemerkt.

Er hat dieses Plakat einfach vollkommen anonym entworfen. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken, dass ich Designer bin und nicht existiere. Der Designer existiert nicht, weil der Designer nicht gleich sein Produkt ist. Der Designer ist nicht gleich sein Projekt, sein Kunde oder Auftraggeber und ebenso wenig seine Benutzeroberfläche. Der Designer ist nicht die gleiche Person, wie diejenige, für die er all diese Gegenstände und Plakate konzipiert. Der Designer existiert aus all diesen Gründen nicht. Vor diesem Hintergrund möchte ich Ihnen eine Anekdote erzählen, vom komischsten Bewerbungsgespräch meines Lebens. Da ich nicht existiere, suche ich auch keine Arbeit. Wenn ich eine Anzeige für einen Design-Auftrag sehe, Graphikdesign, digitales Design oder was auch immer, leite ich diese Anzeige an Designer weiter, Spezialisten für Benutzeroberflächen oder Ergonomie. Ich schicke diese Anzeigen an alle möglichen Leute. Eines Tages suchte die Stiftung Mozilla, u. a. für den Firefox-Browser bekannt, einen Designer. Was habe ich also gemacht? Ich habe die Anzeige auf meinem Blog veröffentlicht und gesagt: Los, Leute. Bewerbt euch bei Mozilla, die sind wirklich gut, eine solide Ausbildung mit talentierten Leuten.

Na los! Am Tag darauf erhielt ich einen Anruf. Paul Rouget war dran. Paul Rouget hat mich angerufen. Paul Rouget ist einer der sehr guten Entwickler bei Mozilla. Mit seiner kleinen Brille … seinem Entwickler-T-Shirt, seinen langen Haaren, eben ein echter Entwickler. (Lachen) Er ruft mich wirklich an und sagt: Geoffrey, anstatt unsere Anzeige auf deinem Blog zu veröffentlichen, komm doch selbst vorbei. Arbeite mit uns. Ich war ziemlich überrascht und sagte mir: Nun, da ich nicht existiere, kann ich viele Bekanntschaften machen, mit lauter interessanten Leuten. Also fuhr ich zu Mozilla. Paul sagte zu mir: Geoffrey, ich kann dich nicht empfangen. Ich war etwas überrascht und sagte mir: Vielleicht hat er verstanden, dass … nun ja. Aber nein. Er sagte einfach: Wir haben für unseren Versammlungsraum gerade ein Sofa erhalten. Aber es ist noch eingepackt. Eins von IKEA.

Hast du Lust, es zusammen aufzubauen? Da ich Designer von nichts bin, kann ich alles designen. Also habe ich eine Stunde lang mit Paul als Designer für Ikea-Sofas improvisiert. Mit der Anleitung in der Hand haben wir das Sofa zusammengebaut, Fehler gemacht, wieder von vorne angefangen … Nun, Sie kennen die Geschichte. Und am Ende haben wir uns einfach drauf gesetzt. Wir haben unsere Laptops raus geholt und angefangen zu arbeiten. Er sagte zu mir: Geoffrey, ich kann dir alles programmieren. Und ich sagte zu ihm: Paul, ich kann dir alles designen. Von da an konnten wir Sachen, wie diese hier, kreieren. Wir haben z. B. diese Benutzeroberfläche für den Firefox-Browser entworfen. Das ist ein runder Videospieler mit Touchscreen. Ich tippe mit meinem Finger und kann den Klang verändern, ich kann zu einem anderen Video umschalten usw. Wir haben auch das hier entworfen … Paul hatte Lust auf Sonne, denn wir sind Entwickler und brauchen Sonne.

Ich sagte zu ihm: OK, wir fahren nach Cannes. Wir entwerfen eine Benutzeroberfläche, auf der man in einem 360-Grad-Browser navigieren kann, in Cannes, in der Sonne. Also haben wir dieses Erlebnis entwickelt. Das hier würde nicht existieren, wenn wir nicht beschlossen hätten, Sonne zu tanken und zusammen nach Cannes zu fahren. Wir hatten auch Lust, mit HTML 5 in einem Telefon einen Raum zu konzipieren. Das hier ist alles nur CSS und HTML. Wir haben für dieses Telefon einen Raum in 3D kreiert. Mit unserem Entwickler- und Designtalent haben wir es also geschafft, das zu kreieren, auf das wir wirklich Lust hatten, das heißt diese Verbindung hier. Als ich das verstanden habe, sagte ich mir, dass das Wichtigste die Verbindung war, die wir in jenem Moment geschaffen hatten. Diese Verbindung war für mich und meine Arbeit besonders reich und relevant. Nun hatte ich das Gefühl, mehr zu existieren. Ich war ziemlich zufrieden und sagte mir: Wenn wir nun in diese Richtung weiter machen, wie könnte man da Verbindungen herstellen, damit die Leute kommunizieren. Im Forschungslabor, wo ich war, dem EnsadLab, — das Forschungslabor für Design der Ensad — habe ich an emotionaler Kommunikation gearbeitet, der phatischen Kommunikation, über den Begriff der Kommunikation im weitesten Sinne. Bei dieser Fragestellung sagte ich mir: Anstatt „Kommunikation“, „Werkzeug“ „Technologie“ oder „Objekt“ zu denken, fragte ich mich: Wer sind diese Menschen, die kommunizieren? In welcher Kultur leben sie? In welchem Alter sind sie? Welche Nachrichten tauschen sie aus?

All diese verschiedenen Dinge beschäftigten mich. In diesem Labor habe ich Stefana Broadbent getroffen, die Sie vielleicht kennen. Sie ist Doktor der Kognitionswissenschaft. Vor einiger Zeit hat sie auch einen Vortrag bei TED gehalten, und sie ist auch Anthropologin. Ihr Beruf ist es, Menschen zu treffen, mit ihnen zu diskutieren. Sie hat mir beigebracht, mich an einen Tisch zu setzen, mit Leuten zu diskutieren, ihnen Fragen zu stellen. Sie hat mir auch beigebracht, diese kleinen Hefte anzufertigen. Sie heißen „diaries“. Dieses hier wird benutzt, deswegen sieht es so zerfleddert aus. In diese kleinen Hefte habe ich Fragen geschrieben. Ich habe sie an viele verschiedene Leute verteilt, die kommunizieren. Ich habe allen gesagt: Jedes Mal, wenn Sie kommunizieren, über SMS, Twitter, Facebook, Ihr Telefon, oder was auch immer, füllen Sie eine kleine Seite in diesem Heft aus. Und was stand in diesem Heft? Einfache Fragen: Wo sind Sie? Mit wem kommunizieren Sie? Dann etwas kniffligere Fragen: Wie fühlen Sie sich? Was denken Sie, wie sich Ihr Gegenüber fühlt? In welchem Gemütszustand sind Sie? Was denken Sie, wie diese Kommunikation besser verlaufen könnte? Die Antworten darauf waren die interessantesten, die ich je gesehen habe. Im Grunde haben mir die Menschen nicht geantwortet. Die Menschen haben gezeichnet, haben mir ihr Leben aufgeschrieben, Geschichten erzählt. Diese „Nicht-Antworten“ sind für einen Designer am interessantesten.

Weil diese „Nicht-Antworten“ Metaphern sind. Diese Metaphern sind die Werkzeuge, die es erlauben, Design zu kreieren. Ausgehend von diesen Metaphern habe ich ein Projekt namens „Neen“ entwickelt — “Non verbal Emotional Experience of Notification” [Nonverbale, emotionale Erfahrung von Mitteilung]. Das ist eine emotionalere, feinfühligere Art zu kommunizieren. Das ist ein Forschungslabor. Ich habe mir also all diese Fragen gestellt, in Bezug auf Emotionen, auf Kommunikation. Ich habe die Metapher der Tür übernommen. Die Tür trennt, sie lässt eintreten, sie öffnet sich, und sie hat auch die Kraft zu unterbrechen, wenn ich an eine Tür klopfe usw. Über diese Begriffe habe ich diesen kleinen Film hier gemacht. (Klaviermusik) Bei Kommunikation war es für mich am wichtigsten, dass sie lebendig ist, dass man bemerkt, dass da jemand oder etwas ist. Auch Vorstellungskraft ist sehr wichtig, um etwas gemeinsam zu schaffen. Anstatt Listen von Menschen, habe ich Türen gemacht. Die Türen waren geschlossen oder offen oder es schien Licht darunter durch. Wenn Licht da war, wusste ich, dass die Person da war und ich konnte an ihre Tür klopfen. Hier klopfe ich an die Tür von Astrid. Am anderen Ende der Welt ist Astrid mit ihrem Telefon. Sie sieht, dass ich an sie denke. Denn die Anzahl der Klopfer entspricht der Anzahl, wie oft ich bei ihr angerufen habe. Man kann also auf diese Art spielen und miteinander interagieren. Wichtig ist auch der Kontext. Wo ich bin.

An welchem Ort ich mich befinde. Und auch die Geduld. Sehr wichtig für die Stille. Die Geduld, um kommunizieren zu können. Dann die anderen Experimente, eine Nachricht schreiben, zum Beispiel, sie dann in einen Umschlag stecken und an den Rand des Telefons schieben. Auch hier sehe ich am anderen Ende der Welt, wie die Nachricht erscheint, ich erhalte und lese sie. Die Person weiß so, dass ich sie lese, dass ich da bin. Man kann mit diesem gemeinsamen Raum und dieser Präsenz spielen. Das ist das Projekt, das ich Ihnen zeigen wollte, mit seinen verschiedenen Werten und Begriffen. Um schnell zum Abschluss zu kommen: ich bin dabei, dieses Projekt zu entwickeln und nehme es auch außerhalb des Forschungslabors mit. Und dann möchte ich abschließend sagen: Vergessen Sie sich. Vergessen Sie Ihre Gedanken und hören Sie auf die Metaphern, die andere Ihnen erzählen. Stellen Sie Fragen und hören Sie auf die „Nicht-Antworten“.

Hören Sie auf die Art, wie sie diese Antwort verdrehen und sich zu eigen machen, die manchmal unbeholfener und manchmal sehr viel feinfühliger ist, als Ihre eigene Frage. Vergessen Sie sich also. Zum Abschluss: Wenn ich nicht existiere, dann ist es dank Ihrer Metaphern, dank des Designs, aber dank Ihnen existiere ich auch ein bisschen. Vielen herzlichen Dank. (Applaus)